Saison 2016

Nacht auf Burg Katzenstein

Für die kleine Familie war es höchste Zeit ein wenig auszuspannen. Die letzten Wochen waren nicht leicht gewesen.
Doch nun nahm Luca begeistert das Familienzimmer Nr. 12 der Burg Katzenstein in Beschlag. Mit Anlauf sprang er in das für ihn vorbereitete
Bett und hüpfte lachend darin herum. Schmunzelnd machten sich seine Eltern Jürgen und Ina ans Auspacken.
Sie konnten es kaum glauben, dass Luca gerade erst die Windpocken überstanden hatte und nun regelrecht vor Energie sprühte.
Der lästige Juckreiz war noch nicht einmal das Schlimmste für den kleinen Kerl gewesen. Beinah unerträglich war es, seine Freunde
im Kindergarten nicht treffen zu dürfen. So hatten seine Eltern in den letzten zwei Wochen große Mühe, ihn zu trösten und bei Laune zu halten.
Obwohl beide berufstätig und mehr als ausgelastet waren, hatten sie sich die Betreuung Lucas geteilt. Besonders Ina hatte sich während dieser
Zeit regelrecht zerrissen gefühlt: War sie im Büro plagte sie das schlechte Gewissen, sich nicht genügend um ihr Söhnchen zu kümmern. War sie
zu Hause und versuchte den schwierigen Patienten aufzuheitern, dachte sie an die Arbeitsrückstände. Aber nun war alles überstanden. Jürgens
Idee, sich mit einem Wochenende auf einer Burg zu belohnen, war einfach großartig!
Luca war wie aufgedreht. Er flitzte ins Bad und schaute aus dem Fenster.
„Papa, ich kann vom Klo aus das Burgtor bewachen!“
„Oh wie schön! Aber du willst doch nicht das ganze Wochenende auf der Toilette verbringen!“
Lachend sauste der kleine Kerl an ihm vorbei, um aus dem Fenster gleich bei der Eingangstür zu blicken.
„Von hier aus kann ich den ganzen Burghof bis hinauf zum Turm sehen!“
Die helle Stimme überschlug sich fast. Jürgen war hinter ihn getreten und erfreute sich ebenfalls an dem Ausblick.
„Ja und da unten sitzen wir gleich und essen ein herrliches Rittermahl!“
„Au ja!“ Und schon war er beim Fenster gegenüber. „Und von hier kann ich die Feinde kommen sehen! Ha, kommt nur her!“
Ina dagegen entdeckte Hühner und einen spärlich bebauten Hang. Sie freute sich auf 2 ruhige Nächte.
Wenig später zog es die kleine Familie in den sonnenbeschienenen Burghof. Dort ließen sie sich Römer-, Burgfrauen- und
Stauferteller schmecken. Luca aß zwar mit Appetit, hatte allerdings wenig Zeit zum genießen. Er musste unbedingt sein neu erworbenes Holzschwert
ausprobieren. Während er mit anderen Kindern begeistert und lautstark Ritter spielte, saßen seine Eltern bei einem Glas Bier und genossen seine
Fröhlichkeit sowie ihre Zweisamkeit. Beides hatten sie lange vermisst. Der Burghof füllte sich mittlerweile mit Leuten, die zu einer Silberhochzeit in
die Brunnenstube des Gewölbekellers geladen waren. Man war allgemein gut gelaunt und das Jubelpaar begrüßte seine Gäste mit Sekt, bevor sich die
Gesellschaft in den Gewölbekeller zurückzog. Lucas kleine Freunde gehörten ebenfalls dazu und so kam es, dass er bis spät abends Spielkameraden hatte.
Nur selten tauchte er am Tisch seiner Eltern auf, um sich etwas zu trinken oder ein Eis zu holen.
„Wir suchen den Schatz“, verkündete er verschwörerisch.
„Ja, aber den hat man doch schon längst gefunden“,  erzählte Ina und lächelte. „Bei renovierungsarbeiten und ich glaube auch, dass man ihn hier im
Museum besichtigen kann. Hast du ihn noch nicht gesehen?“
Luca schaute seine Mutter ein wenig mitleidig an. „Natürlich Mama. Aber der ist doch nicht so alt! Es gibt noch einen viel älteren und der wird von einem
Geist bewacht.“
„So so, von einem Geist“, schaltete sich Jürgen ins Gespräch ein. „Hat der denn auch einen Namen?“
„Klar, der heißt Baldrian!“ kam es unbekümmert zurück und schon flitzte er wieder zu seinen Freunden. Gemeinsam setzten sie ihre Suche fort und es war
herrlich, dass sich die Kinder auf dem Gelände und sogar im Museum frei bewegen durften.

Nur wenig später ertönte Lucas helles Stimmchen aus dem obersten Turmfenster: "Hallo Mama, hallo Papa! Hier oben ist er auch nicht!“
Ina war nun doch ein wenig besorgt. Am liebsten hätte sie ihn zu sich gerufen, damit er nicht doch noch eine Dummheit beginge. Doch Jürgen verstand
es, sie zu beruhigen. Die nette Kellnerin versorgte beide mit Bier, um dann erneut in die Brunnenstube zu eilen, wo es inzwischen hoch her ging.
Ganz allmählich wurde es dunkel und schließlich tauchte Luca wieder am Tisch seiner Eltern auf. Seine Freunde hatten sich nach und nach verabschiedet.
Erst jetzt merkte er, wie müde er war und so protestierte er noch nicht einmal, als er ins Bett gebracht wurde. Ganz im Gegenteil – er war gespannt wie ein
Flitzebogen. Würde es hier auf Katzenstein wirklich spuken? Es beruhigte ihn dann aber doch als sich seine Eltern ebenfalls schlafen legten. Selbst wenn
Baldrian tatsächlich erscheinen sollte, was er gleichermaßen erhoffte und befürchtete, er wäre nicht allein. Mama und Papa würden ihn beschützen.
Die kleine Familie war so müde, dass die bald eingeschlafen war. Nur hin und wieder wurde es noch etwas unruhig, wenn der ein oder andere Gast aus dem
Gewölbekeller die Toilette aufsuchte, die sich direkt unter dem Zimmer Nr. 12 befand. Ansonsten war es eine ruhige und erholsame Nacht
… allerdings nicht für alle!

Als Jürgen und Ina morgens erwachten, fanden sie Luca zwischen sich schlummernd. Das war recht ungewöhnlich, denn er kam nur in Ausnahmefällen
zu ihnen ins Bett gekrabbelt. Es musste also irgendetwas vorgefallen sein. Der kleine Kerl wollte zunächst nicht raus mit der Sprache. Erst am Frühstückstisch
in der Burgschänke wurde er etwas redseliger.
„Na Luca, hast du in der Nacht unseren Geist den Baldrian gesehen?“ Wollte Frau Walter, die herzliche Burgherrin wissen.
Der Junge schien seine Worte sehr genau abzuwägen, ruhten doch alle Blicke auf ihm. Auch das ziemlich mitgenommene Silberhochzeitspaar am Nebentisch
war ganz Ohr.
„Gesehen habe ich Baldrian nicht“, erklärte er schließlich mit ernstem Blick. „Aber ich habe ihn gehört!“
„Ach!“ staunte Frau Walter, nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu ihm. „Los erzähl! Ich platze gleich vor Neugier!“
„Ja, er war genau vor unserer Tür! Er hat furchtbar gestöhnt, macht Uuuuuuh und Ooooooh. Das war ganz gruselig und dann hat er mit irgendwas gerasselt.“
Die Erwachsenen wechselten verblüffte Blicke. Luca genoss die ungeteilte Aufmerksamkeit und ganz allmählich wich der nächtliche Schrecken.
„Ich wusste gar nicht, dass der Baldrian auch eine Gespensterfrau hat“, fuhr der Kleine schließlich unbekümmert fort. „Die war richtig böse und hat sogar mit
ihm geschimpft. Vor der hab ich mich fast noch mehr gefürchtet.“
Jürgen war der erste, der Worte fand: “Hast du denn auch verstehen können, was sie gesagt hat?“
Luca nickte eifrig und war bemüht, alles original wiederzugeben: „Musst du dich immer so aufführen? Kannst du dich zur Abwechslung nicht mal benehmen?
Mach gefälligst nicht so einen Krach! Du erschreckst die Leute ja zu Tode!“
Die Frau am Nebentisch beugte sich schmunzelnd über ihr Frühstück. Ihr Mann dagegen lief dunkelrot an und versenkte den Blick in seinem Kamillentee.

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